Die erste vegane Flusskreuzfahrt – so war’s

Rhein

Vom 20. bis 23. August ging es von Köln nach Basel auf die erste rein vegane Flusskreuzfahrt – und Kochen ohne Knochen war dabei.

Erstaunlich war schon bei der Einschiffung in Köln, direkt an der Altstadt, das bunte Bild auf Deck: nicht das bei solchen Fahrten übliche gutsituierte Rentnerpublikum stand da, sondern ein buntes Völkchen zwischen 20 und 70, von der Irokesenrägerin über bunt Tätowierte und Familien mit Kindern bis zum eher den Erwartungen entsprechenden Ruheständler. Um 18 Uhr hieß es „Leinen los!“, Köln und Bonn zogen an den Fenstern vorbei, während im Salon das erste Abendessen serviert wurde und die Küchencrew ihre Feuerprobe zu bestehen hatte. Denn Veganer sind nunmal „Foodies“, und wenn das Essen schon im Vordergrund steht, muss genau das auch stimmen. Unter Aufsicht und Anleitung von Kristina und Gerrit Mohr vom Catering-Team „untervegs“ werkelte in den Tiefen des Schiffes die gewohnte Mannschaft und musste so einige neue Tricks lernen. Die Feuerprobe bestand das Küchenteam, das sich vom Berliner Vegan-Spitzenkoch und Kochbuchautor Björn Moschinski („Mio Matto“) beraten ließ, mit Bravour, und auch der – natürlich vegane – Hauswein schmeckte.

Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen, wenn man um 6 Uhr die Vorbeifahrt an der Loreley vom wenig sonnigen Sonnendeck aus genießen wollte, die luxuriösen Kabinen der „Amadeus Silver“ boten jedoch – die richtige (linke) Seite des Schiffs vorausgesetzt, den Luxus, durch die deckenhohen Fenster auch aus dem Bett heraus die malerische Landschaft genießen zu können. Das erste Frühstücksbüffet war dann so reichhaltig wie alle weiteren – verhungern, das war schnell klar, würde auf diesem Schiff ausnahmsweise mal kein vegan lebender Mensch. Das Alleinstellungsmerkmal der Fahrt war also geglückt: „Pflanzenfresser“ ausnahmsweise mal nicht als Bittsteller mit nervigen Sonderwünschen abzufertigen, sondern alles – inklusive der Seife in den Kabinen – auf deren Bedürfnisse auszurichten. Am Vormittag war dann in Rüdesheim eine interessante Exkursion zu einem veganen Winzer geboten, bevor schon wieder gegessen werden „musste“, Kaffee und Kuchen bald darauf nicht zu vergessen, und dann auch schon wieder Abendessen … Ein gewisses Völlegefühl „plagte“ schon jetzt so manchen Reisenden, und die vegane Cocktailkarte in der Panoramabar lockte auch noch …

Als Abendprogramm wurde Marc Pierschels Dokumentarfilm „Live and let live“ über die vegane Ideenwelt aufgeführt, dem sich eine Talk-Runde mit Björn Moschinski anschloss, bei der dieser über seinen Werdegang erzählte, sein Engagement für Tierrechte und die Arbeit in seinem Berliner Restaurant. Es folgte gegen Mitternacht eine Kochshow des dreadlockigen Berliners, und als Überraschung gab es für die Mitreisenden eine vegane Weltpremiere: Moschinski hatte zur Vorpremiere kiloweise eines neuentwickelten veganen Kasslers aufs Schiff bringen lassen. Ein erstaunlich „echtes“ Esserlebnis – selbst für eingefleischte Tieresser gibt es bald keinen Grund mehr, aus Geschmacksgründen auf Geschlachtetes zurückgreifen zu müssen. Nach der späten Mahlzeit musste Moschinski dann noch auf dem kalten Sonnendeck seinen Beitrag zum „Icebucket“-Contest absolvieren: auf Einladung seines Freundes Tim Bendzko bekam er für eine gute Sache einen Kübel Eiswasser über den Kopf gekippt.

Am nächsten Tag stand Straßburg auf dem Programm: eine kulturell interessante Stadt, die allerdings mt dem Makel des ganzen Elsass geschlagen ist: monströse Fleischplatten auf Sauerkraut gelten hier als Delikatesse, ebenso wie die Barbarei der Gänseleberpastete, und entsprechend „tot“ präsentiert sich das kulinarische Angebot. Wer Deutschland für eine vegane Diaspora hält, war noch nie in Frankreich … Immerhin, mit „Un Fleur des Champs“ wurde ein Restaurant gefunden, das zumindest vegane Gerichte anbietet – und parallel Fisch! Verstehe einer diese Franzosen … Zurück auf dem Schiff ging die Völlerei weiter, es war schon der letzte Abend an Bord, so dass sich die Küche noch ein kleines bisschen mehr Mühe gab und fünfgängig brillierte. Schon während des Essens ging Annette Klietz vom Kölner Veganshop „Vegane Zeiten“ mit dem Sektkühler herum, um für den Erdlingshof zu sammeln. Die über 150 Mitreisenden ließen sich nicht lumpen, knapp tausend Euro kamen zusammen – und es sollte noch mehr werden: Björn Moschinski spendete drei Kochbücher, die dann in einem beinahe zweistündigen Versteigerungsmarathon (die amerikanische Version) von Auktionator (und Kreuzfahrtveranstalter) Dirk Bocklage auf zusammen rund 700 Euro getrieben wurden. Spenden-Endstand für den Erdlingshof: knapp 1700 Euro!

Am nächsten Tag war dann schon das Ende der Reise gekommen, die geprägt war von vielen netten Bekanntschaften, kulinarischen Erlebnissen und wunderschönen Bildern – der Rhein bietet, wenn man nicht gerade an Chemieanlagen oder einem (abgeschalteten) AKW vorbeifährt, eine Bilderbuchkulisse, die man bei gerade mal Fahrradgeschwindigkeit an sich vorbei ziehen lassen kann. Nach dem Frühstück wurde mitten in Basel ausgeschifft, und es bot sich an, die Stadt zu Fuß zu erkunden. Im Gegensatz zu Straßburg ist das vegane Angebot hier reichhhaltig, Tibits etwa ist hier (und in anderen Städten der Schweiz) unbedingt einen Besuch wert.

Bleibt als Fazit nur anzumerken, dass Dirk, Kristina und Gerrit einen sehr guten Job gemacht haben, die Flusskreuzfahrtpremiere ein voller Erfolg war und man sich darauf freuen kann, dass über Ostern 2015 diese Idee eine Fortsetzung findet, dann in Holland und Belgien.
Joachim Hiller

http://vegane-flusskreuzfahrten.de

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